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TEXTAUSZÜGE AUS DEM MANUSKRIPT

PRODUKTIONEN > EIN ABEND MIT WILHELM BUSCH


EIN ABEND MIT...WILHELM BUSCH
Soloschauspiel


Es ist nicht unbedingt leicht zu fassen, was mich damals bewegte, Kunst studieren zu wollen. Aber ich weiß noch, warum ich weder Jäger noch Soldat werden wollte. Beim Küster diente ein Kuhjunge, fünf, sechs Jahre älter als ich. Er hatte in einen rostigen Kirchenschlüssel, so groß wie dem Petrus seiner, ein Zündloch gefeilt, und gehacktes Fensterblei hatte er auch schon genug; bloß das Pulver fehlte ihm noch zu Blitz und Donner. Infolge seiner Beredsamkeit machte ich einen stillen Besuch bei einer gewissen steinernen Kruke, die auf dem Speicher stand. Nachmittags zogen wir mit den Kühen auf die einsame Waldwiese. Großartig war der Widerhall des Geschützes. Und so beiläufig ging auch ein altes Bäuerlein vorbei, in der Richtung des Dorfes. - Abends kehrt ich fröhlich heim und freute mich so recht auf das Nachtessen. Mein Vater empfing mich an der Tür und lud mich ein, ihm auf den Speicher zu folgen. Hier ergriff er mich am linken Flügel und trieb mich vermittels eines Rohrstockes im Kreise umher, immer um die Kruke herum, wo das Pulver drin war. Wie peinlich mir das war, ließ ich weithin verlautbaren. Und sonderbar! Ich bin weder Jäger noch Soldat geworden.
[Wilhelm Busch: Von mir über mich. Wilhelm Busch: Gesammelte Werke, S. 2247 (vgl. Busch-Werke Bd. 4, S. 205-206)]
Sondern Maler...oder etwas in der Art. Wissen Sie, es war mehr der Drang, die Bilder, die um mich herum lagen, festzuhalten. Beispielsweise habe ich oft meinen Onkel, den Pastor Kleine, begleitet, wenn er seine "Schafherde hütete". Mein Onkel fand es lehrreich, die Menschen par exemplum zu studienen. Er sagte immer: "Junge, es dient deiner Bildung, zu begreifen, wie andere denken." Die Bildung durch das Leben war ihm besonders wichtig. Er verkündete zwar sorgsam das Wort Gottes, aber im Grunde seines Herzens war er den Naturwissenschaften verschrieben. Er liebte seine Bienenzucht, seine Beobachtungen und seine Handreichung. Und ich durfte für ihn zeichnen. Eine willkommene Abwechslung im Schulalltag, den ich im Allgemeinen mit meinem Freund Erich verbrachte. Erich Bachmann, der Sohn der Müllers.

Also lautet ein Beschluß:
Daß der Mensch was lernen muß. -
- Nicht allein das A-B-C
Bringt den Menschen in die Höh';
Nicht allein im Schreiben, Lesen
Übt sich ein vernünftig Wesen;
Nicht allein in Rechnungssachen
Soll der Mensch sich Mühe machen;
Sondern auch der Weisheit Lehren
Muß man mit Vergnügen hören. -
[Wilhelm Busch: Max und Moritz. Wilhelm Busch: Gesammelte Werke, S. 503 (vgl. Busch-Werke Bd. 1, S. 362)]

Was hatten wir ein Glück, den strengen Schullehrern durch die private Unterrichtung entkommen zu sein. Dort hätten unsere Steiche unweigerlich zu harter Prügel geführt. Onkel Kleine hingegen lachte drüber und nannte es wieder "Lebensbildung". Dennoch - Einmal hat er mich verdroschen: Als ich den Nachbarsjungen auslachte, den Dorftrottel. Da sagte er, dass niemand das Recht hätte, sich über andere zu erheben.

Einige Zeit später fiel mir Kant in die Hände. "Jeder hat von Geburt an das Recht auf Würde," so vermeinte ich zu verstehen. Kant war für mich eine Offenbarung, die, wenn auch damals nur spärlich durchschaut, doch eine Neigung erweckte, in der Gehirnkammer Mäuse zu fangen, wo es nur gar zu viel Schlupflöcher gibt.
[Wilhelm Busch: Von mir über mich. Wilhelm Busch: Gesammelte Werke, S. 2251 (vgl. Busch-Werke Bd. 4, S. 208)] Selbstbestimmung - das wollte ich. Doch während ich noch darüber nachdachte, wie ich mein Leben bestimmen wollte, kam eine Anordnung meines Vaters: Auf zum Polytechnikum nach Hannover, du wirst Maschinenbauer. Ich folgte seinem Wunsch, widerstrebend, aber mit meinen 16 Lenzen widersprach ich nicht. Ich fuhr nach Hannover und wurde, trotz einiger mathematischer Ungleichgewichte, aufgenommen. Ich hatte dem Direktor ein Sonnett verfasst, das letztendlich ausschlaggebend für meine Aufnahme gewesen war. Schließlich war es mit der Liebe zur Mathematik nicht weit her bei mir. Doch im ersten Jahr hatte fast Glück: Die Unruhen der Studenten und Arbeiter ließen viele Stunden ausfallen und man kam mit dem Stoff nur langsam vorwärts. So konnte ich mich damit anfreunden und studierte sogar recht ordentlich - sehr zur Freude meiner Eltern.

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Nehmen Sie einmal die Revolution von 1848 - große Ideale, große Träume, große Worte. Zwei Kartätschenschüsse und man wandte sich ab von den Leitsternen, entwickelte eine Vorliebe für das Private....
Die Worte von Freiheit, von Autoritätsabkehr, von neuen Wegen für Kunst und Mensch, was wurde aus jenen Gedanken? Ich zumindest begann, mich für die Geschichten meines Vaterlandes zu interessieren.
Nach Antwerpen, enttäuscht und immer noch nicht genesen, hielt ich mich in der Heimat auf. In den Spinnstuben sangen die Mädchen, was ihre Mütter und Großmütter gesungen. Während der Pause, abends um neun, wurde getanzt; auf der weiten Haustenne; unter der Stallaterne.
[Wilhelm Busch: Von mir über mich. Wilhelm Busch: Gesammelte Werke, S. 2253 (vgl. Busch-Werke Bd. 4, S. 209)]
Was damals die Leute ut oler welt erzählten, sucht ich mir fleißig zu merken, doch wußt ich leider zuwenig, um zu wissen, was wissenschaftlich bemerkenswert war. Das Vorspuken eines demnächstigen Feuers hieß: wabern. Den Wirbelwind, der auf der Landstraße den Staub auftrichtert, nannte man: warwind; es sitzt eine Hexe drin. Übrigens hörte ich, seit der "Alte Fritz" das Hexen verboten hätte, müßten sich die Hexen überhaupt sehr in acht nehmen mit ihrer Kunst. Von Märchen wußte das meiste ein alter, stiller, für gewöhnlich wortkarger Mann. Für Spukgeschichten dagegen, von bösen Toten, die wiederkommen zum Verdrusse der Lebendigen, war der Schäfer Autorität.
[Wilhelm Busch: Von mir über mich. Wilhelm Busch: Gesammelte Werke, S. 2253 (vgl. Busch-Werke Bd. 4, S. 209)]
Auch zog es mich, neben den Geschichten und Mären, hinfort von der Kunst mehr zu der Natur. Stunden wanderte ich umher, zeichnete zwar fleißig meine Umgebung, doch nebenan laß ich aus dem Reich der Naturwissenschaft den Darwin und den Schopenhauer mit großartiger Leidenschaft. Doch Leidenschaft verjährt, sodass zwar ihre Schlüssel zu vielen Türen in dem verwunschenen Schloß dieser Welt passen; aber kein "hiesiger" Schlüssel, so scheint's, und wär's der Asketen-schlüssel, paßt je zur Ausgangstür.
[Wilhelm Busch: Von mir über mich. Wilhelm Busch: Gesammelte Werke, S. 2254 (vgl. Busch-Werke Bd. 4, S. 210)]
Und so verging ein Jahr, bis ich mich erneut entschloss, das Malen zu wagen. Wied einmal war mir in meiner Abkehr und Unsicherheit mein Onkel zu Hilfe geeilt, der alte Pastor. Er stellte keine peinlichen Fragen, er sprach über Gärten, Flora und Fauna, über Eichhörnchen und Bienen. Und er stellte mir, ohne darum Aufhebens zu machen, einen Raum zur Verfügung, als er bemerkte, dass mich das Malen und Zeichnen wieder einholte. Es kribbelte mich bald wieder in den Fingern. Und so malte ich ein weiteres Mal. Doch in der damaligen akademischen Strömung kam mein flämisches Schifflein, das wohl auch schlecht gesteuert war, nicht recht zum Schwimmen. Und so verbrannte ich mal für mal die Bilder, und immer noch stapelten sich Duzende auf dem Dachboden. Doch Vater will nicht so recht die Einwilligung geben, mir nach München zu verhelfen. Onkel und Mutter überreden ihn schließlich. Mit seiner "allerletzten Talerrolle" lässt er mich schließlich gehen. Anfang November 1854 kam ich schließlich, ohne Vater noch einmal gesehen zu haben, in München an.

Wechsel. Straßenlärm. Der alte Busch steht mit seinem Koffer im Raum.

Historienmalerei - ist ja fast wie in Düsseldorf. Da fragt doch der Maestro, wo ich denn meine Gläser hätte. Tatsächlich steht er schließlich da und studiert ein Stück Leinwand auf die Feinheiten des gemalten Kostümes mit einem Vergrößerungsglas. Welche Verschwendung seiner Zeit - Kopiert er doch nur die Kunst der Vergangenheit, anstatt sich dem Leben zu widmen. Und dann dies liebe, trauliche, teilweis grauliche, aber durchaus putzwunderliche Polterkämmerchen der Erinnerung, voll scheinbar welken, abgelebten Zeugs; das dennoch weiter wirkt, drückt, zwickt, erfreut; oft ganz, wie's ihm beliebt, nicht uns; das sitzen bleibt, obwohl nicht eingeladen; das sich empfiehlt, wenn wir es halten möchten. Ein Kämmerchen, in Fächer eingeteilt, mit weißen, roten Türen, ja selbst mit schwarzen, wo die alten Dummheiten hinter sitzen.
[Wilhelm Busch: Was mich betrifft. Wilhelm Busch: Gesammelte Werke, S. 2141 (vgl. Busch-Werke Bd. 4, S. 152)] Hätte Vater mir doch nur die Möglichkeit gegeben, erneut nach Antwerpen zu gehen.

Aber die Einladung von Pixis nehme ich an. "Jung-München", Künstlerverein. Wir werden sehen....
Wenigstens was mich betrifft, so mag nur einer kommen und mir beweisen, daß die Zeit und dies und das bloß ideal ist, ein angeerbtes Kopfübel, hartnäckig, inkurabel, bis der letzte Schädel ausgebrummt; er soll mich nur aufs Eis führen, seine blanken Schlittschuhe anschnallen, auf der gefrorenen Ebene seine sinnreichen Zahlen und Schnörkel beschreiben; ich will ihn gespannt begleiten, ich will ihm dankbar sein; nur darf es nicht gar so kühl werden, daß mir die Nase friert, sonst drücke ich mich lieber hinter irgendeinen greifbaren Ofen, wär es auch nur ein ganz bescheidener von schlichten Kacheln, bei dem man sich ein bissel wärmen kann.
[Wilhelm Busch: Was mich betrifft. Wilhelm Busch: Gesammelte Werke, S. 2141 (vgl. Busch-Werke Bd. 4, S. 151-152)]

Es wird dunkler. Busch zieht seinen Koffer durch den Raum, packt langsam aus, setzt sich schließlich drauf und beginnt zu zeichnen. Verschmitzt erzählt er passend zu einer Musik.

Um so angenehmer war es im Künstlerverein, wo man sang und trank und sich nebenbei karikierend zu necken pflegte. Auch ich war solchen persönlichen Späßen nicht abgeneigt. Man ist ein Mensch und erfrischt und erbaut sich gern an den kleinen Verdrießlichkeiten und Dummheiten anderer Leute. Selbst über sich selber kann man lachen mitunter, und das ist ein Extrapläsier, denn dann kommt man sich sogar noch klüger und gedockener vor als man selbst. Lachen ist ein Ausdruck von Behaglichkeit. Aber der Franzel hinterm Ofen freut sich der Wärme um so mehr, wenn er sieht, wie sich draußen der Hansel in die rötlichen Hände pustet.
[Wilhelm Busch: Von mir über mich. Wilhelm Busch: Gesammelte Werke, S. 2255 (vgl. Busch-Werke Bd. 4, S. 210)]
Ich begann in den Tagen, viel zu lachen. Auch der Wein wurde zum Weggefährten, je mehr die Trübsal auf der anderen Seite zu drücken begann.

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Teil 2 - Beginn nach der Pause.
Busch tritt auf. Musik Grieg op. 47, "Melody" (3:59). Dunkle Stimmung.

1858! Nach 20monatigem Aufenthalt in Wiedensahl kehre ich wieder nach München zurück. Dort erreicht mich die schwere Nachricht, dass meine Schwester Anna, mein kleiner Augenstern, ihrer langen Krankheit erlegen ist. Aber mit Vater stehe ich derzeit nicht gut, und ich traue mich nicht, zurück ins Elternhaus zu fahren.

Nun, da die Frühlinsblumen wieder blühen,
in milder Luft die weißen Wolken ziehen,
denk ich mich Wehmut deiner Lieb und Güte,
du süßes Mädchen, das so früh verblüte.
Du liebstest nicht der Feste Lärm und Gaffen,
erwähltest dir daheim ein stilles Schaffen,
die Sorge und Geduld, das Dienen, Geben,
ein innigliches Nurfürandreleben.
So teiltest du in deines Vaters Haus
Den Himmelsfrieden deiner Seele aus.
Bald aber kamen schwere, schwere Zeiten.
Wir mussten dir die Lagerstatt bereiten;
Wir sahn, wie deine lieben Wangen bleichten,
sahn deiner Augen wundersames Leuchten;
wir weinten in der Stille, denn wir wussten,
dass wir nun bald auf ewig scheiden mussten.
Du klagtest nicht. Voll Milde und Erbarmen
Gedachtest du der bittern Not der Armen,
gabst ihnen deine ganze kleine Habe
und seufztest tief, dass so gering die Gabe.
Es war die letzte Nacht und nah das Ende;
Wir küssten dir die zarten weißen Hände;
Du sprachst, lebt wohl, in deiner stillen Weise,
und: oh, die schönen Blumen!, riefst du leise.
Dann war's vorbei. Die großen Augensterne,
weit, unbeweglich, starrten in die Ferne,
indes, um deine Lippen, halbgeschlossen,
ein kindlichernstes Lächeln ausgegossen.
So lagst du da, als hättest du entzückt
und staunend eine neue Welt erblickt.
Wo bist du nun, du süßes Kind, geblieben?
Bist du ein Bild im Denken deiner Lieben?
Hast du die weißen Schwingen ausgebreitet
Und zogst hinauf von Engelshand geleitet
Zu jener Gottesstadt im Paradiese,
wo auf der heiligstillen Blütenwiese
fernher in feierlichem Zug die Frommen
anbetend zu dem Bild des Lammes kommen?
Wo du auch seist; im Herzen bist du mein.
Was Gutes in mir lebt, dein ist's allein.

Stimmungswechesel.

So stürze ich mich auf meine Arbeit: Ich nehme die Ölmalerei wieder auf, auch das Aktzeichnen. Außerdem wird mein Karrikaturenbuch dicker und dicker. Caspar Braun begegnet mir an einem schönen Oktobertag. Er bittet mich, hin und wieder für seine "Fliegenden Blätter" zu arbeiten. Ich nehme an. Dadurch verdiene ich das erste Mal im Leben meinen Unterhalt. Ich werde freier, unabhängiger und sogar recht erfolgreich. In den "Fliegenden Blättern" bin ich im folgenden Jahr neunzehnmal verteten, wiederum im darauffolgenden schon dreißigmal. In der Lesergunst rangiere ich bald ganz vorne und meine Bildergeschichten werden zum Zugpferd.
Ich nehme Kontakt zu Heinrich Richter vom Dresdner Verlag auf, der mir im Herbst 1863 einen offiziellen Auftrag erteilt: Ich verfasse vier Bildergeschichten für ein Buch.
Zwischenzeitlich habe ich bei meinem Bruder Gustav die Handelstochter Anna Richter kennengelernt. Wir schreiben uns eine zeitlang, verbrennen aber diese Briefe, und gelegentlich treffen wir uns heimlich. Anna macht mir unmissverständlich klar, dass sie unter die Fuchtel ihrer Eltern zurückkehren müsse, wenn bekannt würde, dass sie etwas mit einem Künstler habe. Damit hatte sie leidlich recht. Anna heiratet zwei Jahre später einen Beamten.

Sie war ein Blümlein hübsch und fein,
hell aufgeblüht im Sonnenschein.
Er war ein junger Schmetterling,
der selig an der Blume hing.
Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm
Und nascht und säuselt da herum.
Oft kroch ein Käfer kribbelkrab
Am hübschen Blümlein auf und ab.
Ach Gott, wie das dem Schmetterling
So schmerzlich durch die Seele ging.
Doch was am meisten ihn entsetzt,
das Allerschlimmste kam zuletzt.
Ein alter Esel fraß die ganze
Von ihm so heißgeliebte Pflanze.

Lichtwechsel.


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